◆ Ein ganz gewöhnlicher Vormittag im Tierschutz – und doch wieder voller Hiobsbotschaften.
Der heutige Tag hatte gerade erst begonnen, da erreichte mich bereits die erste schlimme Nachricht: Nick, einer der beiden Welpen, die ich diese Woche gemeinsam mit seiner Schwester unter einem Traktor gefunden hatte, wird es wahrscheinlich nicht schaffen. Der kleine Junge wiegt gerade einmal 1,8 kg. Seiner Schwester geht es derzeit glücklicherweise gut.
Die Person, die beide in Obhut genommen hat, berichtete mir regelmäßig von den tierärztlichen Behandlungen und der medizinischen Versorgung. Alle notwendigen Maßnahmen wurden eingeleitet, Untersuchungen und Tests durchgeführt. Auch auf Mittelmeerkrankheiten und Infektionskrankheiten wie Parvovirose oder Staupe wurde getestet – ohne positiven Befund.
Dann ging meine morgendliche Versorgungsrunde los.
Am ersten Platz angekommen, fand ich bereits den ersten toten Welpen. Als ich ihn entdeckte, war sein kleiner Körper noch warm. Im hinteren Ausscheidungsbereich war Blut zu sehen. Äußerlich waren keinerlei Verletzungen erkennbar. Ich vermute daher, dass möglicherweise eine Viruserkrankung dahinterstecken könnte.
Ich hob ein kleines Erdloch aus, bettete den Welpen vorsichtig darin ein und legte anschließend eine große Betonplatte darüber.
Doch hinter diesem traurigen Fund steckt eine Geschichte, die mich besonders beschäftigt und auch wütend macht.
An diesem Platz lebt eine sehr ängstliche Mutterhündin mit ihren Welpen. Drei ihrer weiblichen Welpen wurden bereits von Volontären beziehungsweise Tierschützerinnen mitgenommen. Die beiden kleinen Jungs jedoch ließ man gemeinsam mit der Mutter zurück.
Ich kann absolut nicht nachvollziehen, warum bei einer solchen Rettungsaktion bewusst nur die Mädchen mitgenommen werden und die beiden Jungen auf sich allein gestellt zurückbleiben. Ja, sie haben noch ihre Mutter. Aber eine Mutterhündin ist nicht rund um die Uhr bei ihren Welpen. Auch sie muss Futter suchen, sich bewegen und ist nicht immer vor Ort.
Und nun liegt einer dieser kleinen Jungs tot in der Erde.
Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, woran er gestorben ist. Aber ich kann auch nicht ausschließen, dass sein Leben möglicherweise hätte gerettet werden können, wenn man damals alle Welpen gemeinsam mitgenommen und nicht einen Teil zurückgelassen hätte.
Genau solche Entscheidungen sind für mich absolut nicht nachvollziehbar. Wenn man Welpen rettet, dann sollte man nicht nach Geschlecht unterscheiden. Jeder einzelne von ihnen ist ein Leben wert.
Weiter ging es zu dem Platz, an dem ich sieben Welpen versorge. Dort, wo auch Vince mit seinen verkrümmten Beinen herkommt. Bereits an dem Tag, an dem ich Vince von dort mitgenommen hatte, fehlte ein Welpe. Bis heute hatte ich immer wieder nach ihm gesucht. Doch inzwischen musste ich feststellen, dass ein weiterer Welpe verschwunden ist. Von ursprünglich sieben sind aktuell nur noch vier vor Ort: zwei Mädchen und zwei Jungs.
Bei meiner Suche entdeckte ich dann zufällig einen kleinen Welpen, der blitzschnell über einen Weg ins Gebüsch verschwand. Als ich mich vorsichtig näherte, entdeckte ich noch drei weitere. Insgesamt also vier ganz kleine Welpen, vielleicht gerade einmal sieben Wochen alt. Von der Mutter fehlt jede Spur.
Ein Herankommen ist momentan unmöglich. Die Kleinen verteilen sich in Windeseile in alle Richtungen. Hier muss ich ganz behutsam vorgehen und erst einmal versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen.
Weiter ging es zum nächsten Versorgungsplatz mit vielen weiteren Hunden. Dort kam es zu Unruhe. Ein Hund nahm offenbar eine Fährte auf, rannte über die Straße und vier weitere Hunde folgten ihm.
Während ich die zurückgebliebenen Hunde und die Welpen versorgte, hörte ich plötzlich den ersten Schuss. Kurz darauf den zweiten und zu einem späteren Zeitpunkt noch drei weitere.
Was genau passiert ist, kann ich nicht sagen. Ob es Schreckschüsse waren oder möglicherweise gezielt in Richtung der Hunde geschossen wurde, weiß ich nicht. Ich beendete meine Versorgung und fuhr die Umgebung ab, um nach irgendwelchen Auffälligkeiten zu suchen.
Anschließend kontrollierte ich erneut die ursprünglichen Plätze, in der Hoffnung, dass die Hunde inzwischen zurückgekehrt waren. Doch sie waren nicht da. Ich werde später noch einmal hinfahren und nach dem Rechten sehen. Mittlerweile hat auch wieder der Regen eingesetzt. Möglicherweise haben sich die Hunde zunächst irgendwo Schutz gesucht.
Und als wäre das alles nicht genug, ging es weiter zum nächsten Platz mit ungefähr neun Hunden. Darunter eine Mutterhündin, deren Gesäuge mir in den vergangenen Tagen völlig normal erschien. Heute allerdings machte sie einen ausgesprochen müden Eindruck. Ihr Gesäuge hing extrem herunter und war prall gefüllt.
Auch hier bleiben zunächst Fragen offen: Sind die Welpen möglicherweise gestorben oder haben sie einfach noch nicht ausreichend getrunken? Beides sind Möglichkeiten, die ich im Auge behalten muss.
Und das alles ist nur ein Ausschnitt eines einzigen Vormittags.
Das ist der Alltag im Tierschutz, wenn die gesamte Versorgung ausschließlich draußen stattfindet. Man fährt von Platz zu Platz, versorgt Hunde, kontrolliert, sucht, beobachtet und versucht, auf jede noch so kleine Veränderung zu reagieren.
Und dazwischen passieren Dinge, die einen von einer Minute auf die andere völlig aus der Bahn werfen.
Manchmal sind es nicht einmal die großen Rettungsaktionen, die einen an die eigenen Grenzen bringen. Es sind diese vielen kleinen und großen Ereignisse, die sich innerhalb weniger Stunden aneinanderreihen.
Und der Tag hat gerade erst begonnen.