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Ich laufe meine Straße runter mit meiner Gitarre vor der Brust, da kommen drei Typen auf mich zu. Der eine ein riesiger Schrank mit Runentattoos auf der Glatze und nem Sternburg Diesel in der Hand, das er mir fast ins Gesicht haut. Die anderen in Jogginganzügen, Haare zur Seite gegelt, einer mit nem Reichsadler auf dem Kehlkopf. Der Runennazi lallt und spuckt mir dabei ins Gesicht: „Spiel ma n Lied, Junge!“, er verzieht seine Fresse und schreit dann seinen Kollegen an: „Wie heißt denn das Eine, na, das von der Andrea!“
Der Zweite guckt nur dumm und grunzt zurück: „Weiß ich doch nich!“
Ich sage: „Ich kann leider keine Cover spielen, aber ich kann eins von mir spielen, wenn ihr wollt.“
„Dann spielste halt eins von dir“, brabbelt der Runennazi und lehnt sich besoffen an die Wand.
Ich spiele ‚Schön zu sehen‘. Bei den Zeilen: ‚das ist okay, du bist okay, auch wenn du weiter schläfst, bist du okay‘ sackt was in dem Skinhead zusammen, bis er auf dem Boden hängt, so richtig heult und schnoddernd versucht, den Refrain mitzugrölen.
Die anderen beiden stehen ratlos herum und starren handlungsunfähig den Boden an. Ihr Macker liegt da und flennt. Ich beende das Lied, da holt der Typ ein Big Pack John Player Special heraus und hält mir zwei Zigaretten hin. Ich greife zu, bedanke mich fürs Zuhören und gehe.
Nach 16 Jahren ist meine Gitarre verschwunden. Mit ihr habe ich so viel erlebt, dass ich mich kaum an alles erinnern kann. Was ich sicher weiß: Sie war mir Schild und Schwert, wenn ich das brauchte.
Wir haben zusammen Menschen zum Aufatmen und Schmunzeln gebracht, zum Wundern und Weinen, wir haben Wildfremde zum Tanzen und Rappen bewegt und so viel von Trost und Hoffnung gesungen, und von Liebe. Mit ihr hab ich Gründe zum Weitermachen gefunden und zum immer wieder neu Anfangen.
In den letzen Jahren ist viel anders geworden. Ich habe wundervolle Freunde gefunden und den Weg aus den Depressionen. Ständig kann ich Altes gehen lassen und Neues, Liebevolles kommt und bleibt. Gerade arbeite ich als Produzent am Album ‚Trümmergold‘ von Claraschein und in meinem Duo-Projekt mit Jan Willenbacher stehen wir kurz vor den ersten Aufnahmen, da verliere ich meine Gitarre. Eine Hohner, Baujahr 1983, weitergereicht von meinem Vater, der sie 1990 aus den USA mitgebracht hatte.
Während ich das nicht wirklich und dann langsam doch begreife, wächst neben der Trauer der Gedanke, dass das Neue erst kommt, wenn das Alte gegangen ist. Vielleicht ist es an der Zeit, mit einem Instrument zu komponieren und zu spielen, in das ich nicht über ein Jahrzehnt Depression eingearbeitet habe, für das ich mich selbst entschieden habe, das mit mir das neue Kapitel mit neuen Liedern füllt, über Freundschaft, über Miteinander, über alles, was kommt.
Zwei Wochen später fahre ich zwischen Vorfreude und Zweifel zu meiner Freundin Katherina nach Berlin. Sie ist bereit, mir die Kosten für ein neues Instrument auszulegen. Vielleicht finde ich auch gar keine Passende, wer weiß.
Im American Guitar Shop probiere ich fünfzig Gitarren aus und komme immer wieder zurück zu der Einen ohne Preisschild. Die klingt wie meine, nur präziser, ruhiger irgendwie, und bestimmter. Der Korpus passt besser an meinen Oberkörper und der Hals schmiegt sich leicht in meine Hand. Um das Schallloch ist Perlmutt eingearbeitet, das ist bestimmt viel zu teuer.
Ich frage den Verkäufer, der steht draußen in der Sonne und drückt seine Zigarette mit hochgezogenen Augenbrauen aus: „Die ohne Preisschild? Fünfzehntzausend.“
“Ah, nicht das Sammlerstück rechts oben, sondern die kleinere.“
Der Verkäufer folgt mir und nickt: „Die von Kojla Kleeberg, die kostet Dreitausendzweihundert.“
Also suche ich weiter, vielleicht finde ich ja noch eine andere, eine ähnliche, aber eigentlich weiß ich es schon und der Blindtest zeigt’s mir nochmal.
So komisch das auch klingt. Dieser Fernsehkoch, Kolja Kleeberg, der vor zwanzig Jahren im TV ne Nummer war, hat eine Custom Gitarre von Martin in der kleinstmöglichen Menge von vierzehn Stück produzieren lassen. Die Decke aus Fichte, Zarge und Rücken aus Mahagoni wie bei meiner Alten. Sie klingt besser, als ich es mir hätte vorstellen können, sie sieht wunderschön aus. Ich hab noch nie so ein präzises Instrument gespielt.
Erstmal was essen gehen und sacken lassen. Katherina bestärkt mich darin, dass die Entscheidung doch eigentlich schon gefallen sei.
An der Kasse berechnet der Verkäufer glatt Dreitausend, vielleicht aus Mitgefühl.
Ich weiß, dass Träume zu leben Mut erfordert. Und ich weiß, dass mein Leben nur so schön ist, weil ich mich entfalten kann durch die Community, die mich trägt und fördert.
Das seid Ihr, denen was an mir, an meiner Musik und meiner Kunst liegt.
Die ich beim nächsten Liederabend in irgendeinem Wohnzimmer sehen werde.
Ihr, die ihr glaubt, dass Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann.
Mit euch zusammen kann ich den Traum leichter tragen.
Danke für eure Hilfe.


