
Für meine Enkel – eine verschwiegene Geschichte
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1953 steht mein Großvater in Frankreich vor Gericht.
1993 entdecke ich seinen Namen in Unterlagen eines ehemaligen CIA-Agenten.
2026 beginne ich, seine Geschichte zu Ende zu erzählen.
Mein Name ist Thore D. Hansen. Ich bin Schriftsteller. 2017 veröffentlichte ich die Geschichte von Brunhilde Pomsel, der ehemaligen Sekretärin von Joseph Goebbels: Ein deutsches Leben. Das Buch erschien international in zahlreichen Sprachen.
Ich durfte die Geschichte einer Frau erzählen, die im unmittelbaren Umfeld eines der mächtigsten Männer des Nationalsozialismus gearbeitet hatte. Wir sprachen über Erinnerung, Verantwortung und darüber, was Menschen gesehen hatten, was sie nicht sehen wollten und was sie sich Jahrzehnte später darüber erzählten.
Ausgerechnet die Geschichte meines eigenen Großvaters durfte ich nicht erfahren. Denn der Großvater, den ich als Kind kannte und mit elf Jahren zum letzten Mal sah, war nicht der Mann, für den ich ihn gehalten hatte.
Er war Chef der Gestapo.
Wo und was er dort getan hat, möchte ich an dieser Stelle noch nicht erzählen. Genau das ist Teil der Geschichte, die ich nach mehr als drei Jahrzehnten zu Ende recherchieren will.
Aber diese Geschichte handelt für mich nicht nur von der Vergangenheit meiner Familie. Sie führt unmittelbar in unsere Gegenwart. Wie werden aus radikalen Gedanken politische Wirklichkeit? Wann verschieben sich die Grenzen dessen, was eine Gesellschaft für hinnehmbar hält? Und erkennen wir selbst den Augenblick, in dem aus Worten Ausgrenzung und aus Ausgrenzung Entrechtung werden kann?
Diese Fragen beschäftigen mich heute vielleicht mehr als je zuvor. Nicht, weil ich die Bundesrepublik des Jahres 2026 mit Deutschland im Jahr 1933 gleichsetzen möchte. Sondern weil ich glaube, dass Geschichte uns dazu zwingen kann, darüber nachzudenken, was auf dem Spiel steht und was wir bereit sind zu verteidigen, bevor demokratische Grundwerte tatsächlich in Gefahr geraten.
Hätte ich damals erkannt, wann die Grenze überschritten war? Und würde ich sie heute erkennen? Meine Suche nach Antworten begann lange vor Ein deutsches Leben.
1993 war ich vierundzwanzig Jahre alt und studierte Politik und Soziologie an der Universität Hamburg. In diesem Jahr besuchte ich ein Seminar von Philip Agee. Agee war ehemaliger CIA-Offizier, hatte mit CIA Intern die Arbeitsweise seines früheren Geheimdienstes öffentlich gemacht und hielt ein Seminar über die CIA und den deutschen Rechtsextremismus. so lernten wir uns kennen und wurden Freunde bis er 2008 in Kuba verstarb.
Eines Tages ging es um die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und um Deutsche mit nationalsozialistischer Vergangenheit, die im beginnenden Kalten Krieg für westliche Geheimdienste von Interesse waren. Agee verteilte Schwarz-Weiß-Kopien mit Namen und Dienstgraden. Ich überflog die Liste und blieb an einem Namen hängen.
Es war der Name meines Großvaters.
Bis zu diesem Augenblick wusste ich fast nichts über seine Vergangenheit. Ich begann Fragen zu stellen. Mein Vater wiegelte ab. Meine Mutter erzählte mir schließlich von einem Manuskript, das mein Großvater geschrieben und sogar einem Schweizer Verlag angeboten haben soll. Auf seinem Deckblatt standen drei Worte:
Für meine Enkel. Ich war einer dieser Enkel.
Gelesen habe ich das Manuskript nie. Es verschwand. Meine Mutter behauptete, meine Großmutter habe es zerrissen. Mein Vater erzählte mir später, der französische Geheimdienst habe auf seinen Vater eingewirkt, damit das Manuskript nicht veröffentlicht werde.
Was stand in diesem Buch? Und warum sollten ausgerechnet seine Enkel es nicht lesen? Philip Agee half mir damals bei den ersten Schritten meiner Recherche. Er zeigte mir, wo ich suchen konnte, und warnte mich zugleich, dass wichtige Akten vermutlich noch nicht freigegeben waren. Doch ich brachte die Recherche nicht zu Ende. Mein Leben ging weiter. Ich wurde Journalist und Schriftsteller, schrieb über Politik, Macht und Zeitgeschichte. Jahrzehnte später entstand Ein deutsches Leben.
Und die Geschichte meines eigenen Großvaters blieb liegen.
Bis heute.
Dreiunddreißig Jahre nach meiner Begegnung mit Philip Agee nehme ich die Suche wieder auf. Inzwischen habe ich Dinge über meinen Großvater herausgefunden, die mein Bild von ihm und meiner eigenen Familie grundlegend verändert haben. Französische Zeitungen berichteten über ihn, es existieren Gerichtsunterlagen und historische Dokumente, andere Akten waren 1993 noch nicht zugänglich. Spuren führen nach Frankreich, Deutschland und möglicherweise darüber hinaus.
Was ich bereits herausgefunden habe, möchte ich hier bewusst nicht vollständig erzählen. Es geht nicht nur darum, was mein Großvater getan hat. Mich interessiert ebenso, warum darüber in meiner Familie geschwiegen wurde. Wie wird aus Vergangenheit Erinnerung, aus Erinnerung eine Familienlegende und vielleicht irgendwann eine Lüge? Und weshalb schreibt ein Mann ein Buch ausdrücklich für seine Enkel, das diese Enkel niemals lesen dürfen? Aus dieser Recherche entsteht mein neues Buch:
Für meine Enkel. Vorerst als Arbeitstitel.
Ich glaube fest daran, dass diese Geschichte gerade heute erzählt werden muss. Nicht, um Menschen vorzuschreiben, wen sie wählen sollen. Aber vielleicht kann sie dazu beitragen, genauer hinzusehen, wem sie ihre Stimme geben, welche politischen Kräfte sie unterstützen und welche Folgen es haben kann, wenn radikale Positionen Schritt für Schritt gesellschaftsfähig werden.
Vielleicht kann ein Buch die Welt nicht verändern. Aber Bücher können dazu führen, dass Menschen anders auf sie schauen. Wenn Für meine Enkel auch nur einige Leser dazu bringt, genauer hinzusehen und über die Verantwortung der eigenen politischen Entscheidungen nachzudenken, dann hat sich diese Recherche für mich gelohnt.
Warum ich um Unterstützung bitte:
Um diese Geschichte zu Ende recherchieren zu können, brauche ich Unterstützung. Die noch offenen Spuren führen in Archive und zu historischen Quellen in mehreren Ländern. Dokumente müssen beschafft und ausgewertet werden, Recherchereisen nach Deutschland und Frankreich sind notwendig, französische Unterlagen müssen teilweise übersetzt und historische Zusammenhänge überprüft werden. Und wichtige Dokumente vom US-Nationalarchiv NARA. Mit den Spenden möchte ich diese Recherche ermöglichen: Archivgebühren und Dokumentenbeschaffung, Reisen zu den relevanten Orten und Archiven sowie Übersetzungen und fachliche Unterstützung bei der Auswertung historischer Quellen.
Mein Ziel sind zunächst 10.000 Euro.
Ich werde über wichtige Stationen meiner Recherche berichten, ohne dabei die Geschichte vorwegzunehmen, die später im Buch erzählt werden soll. Vielleicht finde ich am Ende sogar das verschwundene Manuskript meines Großvaters. Vielleicht finde ich heraus, warum es verschwinden sollte. Ich weiß es schon.
Nach 33 Jahren möchte ich diese Suche zu Ende führen.
Wenn ihr mich dabei unterstützen möchtet, freue ich mich über jede Spende. Ebenso wichtig ist es, diese Seite zu teilen. Vielleicht erreicht die Geschichte dadurch Menschen, die wissen möchten, wie sie weitergeht und die wie ich glauben, dass die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit gerade heute wieder wichtig ist.
Danke.
Thore D. Hansen



